Waldprogramm Brandenburg
Das Waldprogramm Brandenburg in der vorliegenden Fassung vom Januar 2007 ist nach
unserer Bewertung fortschrittlich und richtungweisend. Es mangelt allerdings in Bezug auf das Jagdmanagement an der Umsetzung.
Zum Thema Jagd steht im Programm (Auszug): "Die Jagd ist eine Form der Landnutzung und Bestandteil der Eigentümerrechte.
Die Ausübung der Jagd muss sich an den Zielen der Entwicklung vitaler und leistungsfähiger Waldbestände orientieren und das Aufwachsen
von gesunden und artenreichen Wäldern ermöglichen, ... Insbesondere im Landeswald muss die Jagdausübung beispielhaft erfolgen."
Zu der Einschätzung einer mangelnden Umsetzung kamen auch der Forstausschuss und der Jagdbeirat, beides gesetzliche Beratungsgremien der
Forst- und Jagdbehörden Brandenburgs, auf ihrer gemeinsamen Sitzung im November 2010. Die Teilnehmer waren sich einig, dass die vielerorts
überhöhten Schalenwildbestände zu negativen Auswirkungen auf die Waldwirtschaft führen. Als Hauptproblem wird dabei der derzeitige Wildbestand
von mehr als 11 Stück Schalenwild pro 100 ha Waldfläche gesehen. Die Beiräte stimmen darin überein, dass der Schadensverhütung größere Bedeutung
als einer anschließenden Schadensvergütung zukommt.
Wir fordern die Landesregierung auf, den Vorgaben ihres eigenen Waldprogramms und den Empfehlungen ihrer Beiräte zu folgen und konkrete Schritte
zur Vermeidung eines hohen Wildschadens zu unternehmen. Dazu machen wir einige Vorschläge:
Blei oder Nicht-Blei auf der Jagd - Bleifreie Jagdmunition
Albrecht v. Kessel, Vorsitzender Förderverein Müritz-Nationalpark e. V.
Jan Baginski, Vorsitzender Förderverein Nationalpark Boddenlandschaft e. V.
Falk Jagszent, Geschäftsführer Ökologischer Jagdverein e. V.
Fördervereine Müritz-Nationalpark, Nationalpark Boddenlandschaft und Ökologischer
Jagdverein fordern landesweites Verwendungsverbot von bleihaltigen Jagdgeschossen.
In den vergangenen Jahren wurde über die Problematik der Verwendung von bleihaltiger und
bleifreier Jagdmunition umfangreich geforscht. Das Thema hat viele Jäger und Naturschützer
bewegt und ist über die Medien in die Öffentlichkeit getragen worden. Auslöser waren
Untersuchungen von aufgefundenen Seeadlern, die nachweislich an einer Bleivergiftung
verendet sind. Dies betrifft etwa jeden zweiten im Müritz-Nationalpark verendet aufgefundenen Seeadler.
Vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung konnte in einer mehrjährigen
Untersuchungsreihe der Zusammenhang zwischen bleihaltiger Jagdmunition und einer
Belastung der erlegten Wildtiere mit dem Schwermetall nachgewiesen werden. Beim
Auftreffen auf den Wildkörper zerlegen sich die bleihaltigen Geschosse in einzelne Splitter,
die sich im Wildkörper verteilen. Nach dem Aufbrechen (Ausnehmen) des erlegten Tieres
im Revier wurden die nicht verwertbaren Eingeweide üblicherweise der Natur überlassen.
Dieser "Aufbruch" wird von den aasfressenden Seeadlern aufgenommen. Durch seine, im
Vergleich zum Menschen, stärkere Magensäure lösen sich die Bleipartikel auf und führen zur
tödlichen Schwermetallvergiftung.
Eine Alternative stellen die bleifreien Geschosse aus Kupfer und Tombak dar. Einer
flächendeckenden Einführung dieser Geschosse stand bisher der Verdacht im Wege, dass sie
durch ein verändertes Abprallverhalten die Risiken für Jagdteilnehmer in unzumutbarer
Weise erhöhen. Ein erfolgreicher Praxisversuch im Müritz-Nationalpark wurde aus diesen
Gründen 2008 abgebrochen. Es folgte im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums eine
umfangreiche technische Untersuchung zum Abprallverhalten und zur Gefährdungslage von
bleihaltigen und bleifreien Geschossen, deren Ergebnisse kürzlich auf einer Tagung in Bonn
veröffentlicht wurden. Daraus geht hervor, dass es keine signifikanten Unterschiede im
Abprallverhalten zwischen bleihaltigen und bleifreien Geschossen gibt.
In der näheren Umgebung des Auftreffpunktes ist die Gefährdung durch beide Geschossarten
gleich, da die Seitenwinkel der Abpraller von bleihaltigen Geschossen nicht auffällig anders
sind als jene von bleihaltigen Geschossen. Dieses Ergebnis ist für die Jagdpraxis von
großer Bedeutung, da insbesondere im Nahbereich die meisten Jagdunfälle geschehen.
Abgeprallte bleifreie Geschosse haben jedoch eine signifikant größere Reichweite als
bleihaltige Geschosse. Rein rechnerisch ist damit die Gefährdungsfläche größer als bei
Bleigeschossen.
In freiem Gelände nimmt jedoch die gefährdete Fläche gleichermaßen zu wie die
Treffwahrscheinlichkeit der sich dort aufhaltenden Personen abnimmt. Eine Präferenz für eine
der beiden Geschossarten lässt sich daraus nicht ableiten
Die maximale technische Reichweite bei bleifreier Munition betrug 1521 m, bei bleihaltiger
Munition 1470 m. Der Unterschied ist somit auch hier gering.
Auch in Bezug auf die tierschutzgerechte Tötung von Wildtieren lassen sich aus den
bisherigen Erkenntnissen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Munitionsarten
erkennen. Nach den bisherigen Ergebnissen des abgebrochenen "Bleifrei-Monitorings" in
Brandenburg und in der Bundesforstverwaltung (6.000 Datensätze) sind 89 % der
teilnehmenden Jäger in der Gesamtbeurteilung mit der Alternativmunition zufrieden bis sehr
zufrieden.
Bleiverseuchtes Wildfleisch - Gefahr für Jägerfamilien?
Ein weiterer Aspekt von bleihaltiger Munition wurde in Bonn erörtert: Welche Gefahren
drohen den Konsumenten durch bleibelastetes Wildfleisch?
Hier konnte bisher von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kein eindeutiger
Schwellenwert festgelegt werden. Allerdings wurden bei Untersuchungen von Wildschweinen
durch die amtlichen Lebensmittelüberwachungsbehörden in der Vergangenheit hohe
Bleibelastungen gefunden, die anscheinend Auswirkungen auf die neurologische Entwicklung
von Föten, Kleinkindern und Kindern haben. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
wird deshalb in Kürze eine Empfehlung herausgeben, mindestens in Jägerfamilien
(Vielverzehrer) auf Wildfleisch zu verzichten - oder nur mit bleifreier Munition erlegtes Wild
zu verwenden.
Kein Blei in Natur und Küche!
Wir fordern die Landesregierung auf, die bleifreie Munition nach einer kurzen Übergangszeit
verpflichtend und landesweit für die Jagd einzuführen. Seeadler halten sich nicht an die
Nationalparkgrenzen. In den Großschutzgebieten des Landes könnte die bleifreie
Wildregulierung sogar sofort umgesetzt werden. Schwermetalle gehören grundsätzlich nicht
in den Naturhaushalt und nicht in die Nahrungskette.